Das Streben nach einem allgemeingültigen moralischen Wertesystem

Das Streben nach einem allgemeingültigen moralischen Wertesystem

Kommentar

"Die Religion hält nicht das Monopol für sittliches Handeln, doch der Glaube - und dazu gehört auch die institutionalisierte Gottesverehrung in der Kirche oder in einer Synagoge oder Moschee - hat unser Verständnis von Richtig und Falsch über Jahrhunderte hinweg natürlich ganz entscheidend geformt." - Jeffrey R. Holland[1]

 

Kann eine Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten religiösen, politischen und philosophischen Ansichten aufeinandertreffen, sich auf ein Grundverständnis von Richtig und Falsch einigen? Bis zu einem gewissen Grad ist dies die große Herausforderung der Zivilisation. Damit das Zusammenleben funktioniert, muss ein gewisses Maß an Einvernehmen bestehen. Der Boden bestimmt, was darauf wächst.

Ein vor kurzem erschienener Artikel darüber, wie man selbstgesteuerte Autos so programmiert, dass sie bei einem Unfall eine moralisch fundierte Entscheidung treffen, schließt mit der Frage: "Kann man einer Maschine beibringen, welche Entscheidung richtig ist?" Die Antwort des Autors: "Erst einmal müssten die Menschen sich darüber einig werden."[2]

Diese Äußerung zeigt, dass wir tief in der Erfahrung verwurzelte moralische Grundvorstellungen haben, es andererseits aber in einer pluralistischen Gesellschaft schwierig ist, sich auf eine bestimmte Vorstellung zu einigen. Ob in Situationen wie die in dem Artikel beschriebenen – opfere ich mich im Falle eines Zusammenpralls selbst oder riskiere ich das Leben eines Fußgängers – oder bei anderen schwerwiegenden Entscheidungen: Ansichten über Richtig und Falsch gehen mitunter enorm auseinander.

Ein Artikel des Pew Research Centers aus dem Jahr 2014 trägt den Titel: "Was ist moralisch vertretbar? Das hängt davon ab, wo man lebt." Während sich beispielsweise viele darin einig sind, dass Ehebruch in moralischer Hinsicht falsch ist, ist die Anzahl derer, die auch eine Scheidung für nicht vertretbar halten, schon geringer. Viele halten Glücksspiel für schlecht, nicht ganz so viele sind aber der gleichen Ansicht, wenn es um Alkoholkonsum geht. Diese Vielfalt an unterschiedlichen Meinungen in moralischen Fragen lässt sich nicht vermeiden.

Diese und ähnliche Fragen, die im Pew-Bericht aufgeführt werden, sind komplex und haben erhebliche Auswirkungen auf den Einzelnen, auf die Familie und auf die Gesellschaft insgesamt. Trotz aller unterschiedlichen Meinungen aber folgt die Gesellschaft im Allgemeinen moralischen Grundvorstellungen. Wenn es um den Wert des Einzelnen, die Sorge um die Schwachen in der Gesellschaft und das Einhalten von Verpflichtungen gegenüber Familie und Gesellschaft geht, stützen wir uns auf Quellen jenseits des menschlichen Verstandes.

Zurück zu den Wurzeln

Rabbi Jonathan Sacks hat erklärt: "In einer Debatte, bei der es keine gemeinsamen Werte gibt, gewinnt der, der am lautesten schreit." Bei der Entscheidung zwischen Richtig und Falsch geht es allerdings um mehr als ein Kräftemessen: Es geht um das Wohl des Einzelnen und der Allgemeinheit. Daher, so fährt Rabbi Sacks fort, "zählt nur der Sieg, wo es an moralischer Wahrheit fehlt. Das Suchen nach Wahrheit mutiert ins Streben nach Macht."[3] Dadurch wird dieses Wertesystem dann allgemeingültig: Es hilft den Schwachen und den Starken, den Stillen und den Lauten, der Minderheit und der Mehrheit.

Ob aus religiösen Lehren überliefert, auf praktischen Erfahrungen begründet oder beides: Alle Völker haben eine moralische Grundlage. Und in einer pluralistischen Welt, in der viele verschiedene Ideologien, Völkergruppen und Weltanschauungen nebeneinander existieren, müssen wir uns all diese verschiedenen Quellen zunutze machen und das Gute fördern.

Wenn man die Herkunft unserer Moralvorstellungen zurückverfolgt, erkennt man, dass ihre Wurzeln in der Religion verankert sind. Die weltlichen Historiker Will und Ariel Durant haben erklärt: "Es gibt kein nennenswertes Beispiel in der Geschichte vor der heutigen Zeit, wo eine Gesellschaft ohne die Hilfe von Religion die Moral aufrechterhalten konnte."[4] Der Erzbischof von Washington, D. C., Kardinal Donald Wuerl, hat etwas Ähnliches über unser jüdisch-christliches Erbe gesagt. Obwohl dies wahrscheinlich bei Menschen, die nicht religiös sind, unpopulär ist, erklärt er, dass es bei Glaubensäußerungen nicht darum gehe, "unserer Gesellschaft Werte aufzudrücken, sondern sie an ihr Vermächtnis lang akzeptierter moralischer Grundsätze zu erinnern und an ihre Verpflichtung, grundlegende Menschenrechte zu verteidigen".

Elder Quentin L. Cook, Apostel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, hat gesagt, dass diese Werte mit der Förderung der Menschenwürde und der Freiheit verbunden sind. In einer Rede über die Würdigung des religiösen Erbes führte er die Veröffentlichung der King-James-Übersetzung der Bibel Anfang des 17. Jahrhunderts an, die Verbreitung der heiligen Schriften an die breite Masse, religiöse Toleranz, Bürgerrechte und wissenschaftliche Errungenschaften, wozu auch die Revolution der Kommunikation und medizinische Fortschritte gehören. All dies seien Beispiele des "jüdisch-christlichen Erbes, das dem zugrunde liegt und das Menschen in aller Welt ein Segen ist".

Über den eigenen Tellerrand hinaus

Jüdisch-christliche Werte geben zugegebenermaßen nicht immer eine offensichtliche Antwort auf jede Gewissensfrage. Dennoch können wir sie nicht einfach außer Acht lassen. Laut Rabbi Sacks käme das dem Durchschneiden der Seile gleich, denen unsere Moral ihre Erhabenheit verdankt. Da gläubige Menschen solche Werte als gottgegeben betrachten, sind sie von wechselnden Umständen unabhängig. Ihre Beständigkeit wurde über Jahrtausende geprüft. Darüber hinaus ist ihre Bedeutung über das flüchtige Wesen der Gesellschaft erhaben.[5]

Doch am Ende kann kulturelle Vielfalt nicht gedeihen, wenn jeder seine eigenen Moralvorstellungen vertritt. Das sei so undenkbar, so Rabbi Sacks, wie "eine Sprache, die nur ein Mensch versteht"[6]. In einer Gesellschaft, in der die Autonomie des Einzelnen als höchstes Gut betrachtet wird, bleibt alles dem Einzelnen überlassen. Der französische Denker Alexis de Tocqueville beschrieb dieses einsame Bestreben so: "Wenn jeder sich über alles selbst eine Meinung bildet und allein nach der Wahrheit strebt und nur auf Pfaden wandelt, die er selbst geschlagen hat, ist es unwahrscheinlich, dass viele Menschen sich je auf irgendeine gemeinsame Ansicht einigen." In solch einer Situation gibt es zwar Menschen, "aber es gibt keinen Gesellschaftsverband"[7].

Der christliche Autor R. R. Reno hat es so ausgedrückt: Die Stabilität, die darauf gründet, dass etwas Größeres als man selbst die Zügel in der Hand hält, "hilft den Menschen, ein glückliches, sinnerfülltes Leben zu führen", und vermacht uns ein kulturelles Erbe, das nicht aus einzelnen, losgemachten Segelbooten besteht, die ungehindert auf selbstgewählte Ziele hinsteuern, sondern das uns Sicherheit gibt wie "Züge, [die] sich an einen Fahrplan halten"[8].

Wir können uns womöglich nicht auf eine gemeinsame Moralvorstellung einigen - das ist wohl weder möglich noch wünschenswert -, aber es wäre gut für uns, wenn wir eine Einigung zu den wichtigsten Fragen erzielen könnten. Moral besteht ja nicht in dem, was ein Einzelner entscheidet, sondern ist "das, was eine Gruppe zusammenhält"[9].

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[1] Jeffrey R. Holland, "Bound by Loving Ties", Andacht an der Brigham-Young-Universität, 16. August 2016

[2] Jim Kerstetter, "When Machines Will Need Morals", New York Times, 24. Juni 2016

[3] Rabbi Jonathan Sacks, The Home We Build Together, Seite 41, 47

[4] Will and Ariel Durant, The Lessons of History, 1996, Seite 51

[5] Rabbi Jonathan Sacks, The Great Partnership, Seite 2

[6] Rabbi Jonathan Sacks, The Home We Build Together, Seite 143

[7] Alexis De Tocqueville, Democracy in America, Übers. u. Hg. Harvey C. Mansfield und Delba Winthrop, 2000, Seite 407

[8] R. R. Reno, "Politics of Vulnerability", First Things, Oktober 2016, Seite 6

[9] Rabbi Jonathan Sacks, The Home We Build Together, Seite 143

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