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Kommentar

Religiöse Meinungsäußerungen

Dritter Teil einer fünfteiligen Serie über die Bedeutung des Glaubens für die Gesellschaft

"Die größten Fragen des menschlichen Daseins … betreffen uns alle. Die Antworten zu suchen und dabei dem eigenen Herzen und dem Gewissen treu zu bleiben, ist eine der edelsten Betätigungen, denen ein Mensch nachgehen kann." - Wilfred McClay1

Die Gesellschaft ist eine laute Angelegenheit - und eine verwirrende obendrein. Es gibt wohl ebenso viele Meinungen und Ansichten, wie es Menschen gibt. Und jeder will gehört werden.

Ob bei Wahlen, ob in Bildungs- oder Wirtschaftsfragen - ein jeder äußert sich zu den Themen, die ihn bewegen. Allen religiösen Menschen liegen dieselben Fragestellungen am Herzen, aber die Sichtweise hängt von ihrer Glaubensrichtung ab. Und da die Religion in der menschlichen Erfahrungswelt einen so großen Raum einnimmt, wäre die Auswahl an Lösungsmöglichkeiten geringer, wenn es keine religiösen Meinungsäußerungen gäbe.

Eine Grundlage der Redefreiheit ist, dass man niemals wissen kann, wo die größte Weisheit zu finden ist. Wenn rivalisierende Ansichten frei ausgedrückt werden dürfen, muss diese Weisheit folglich irgendwann ans Tageslicht treten.

Jede Gesellschaft ist auch an ein bestimmtes Zeitalter gebunden. Wir sind in den Grenzen unserer Vorstellungswelt gefangen - unsere Leitlinien und Grundwerte haben sich irgendwann überlebt. Ab und zu muss die Gesellschaft auf die Probe gestellt werden, sich einer Korrektur unterziehen und Verbesserungen vornehmen. Es sind dann oft religiöse Ansichten, die den besseren Menschen in uns wachrufen und das Gewissen der Gesellschaft bilden.

Ob es um die Gerechtigkeit, den Frieden, die Freiheit oder das Allgemeinwohl geht: Der öffentliche Diskurs spielt oft in den Bereich der Religion hinein. In allen Lebensbereichen - auch in der Religion - stößt man aber auch auf Stimmen, die den gesunden Menschenverstand zu ersticken drohen. Ist ein gewisses Maß an zivilisiertem Verhalten jedoch erst einmal gegeben, lassen sich extreme Positionen ausgrenzen. Im besten Falle führen religiöse Stimmen den öffentlichen Meinungsaustausch auf eine höhere Ebene. Sie lassen Einsichten aus der Vergangenheit lebendig werden, machen uns bewusst, was wir einander schuldig sind, und zeigen auf, worauf unser höheres Streben als Mensch abzielen sollte. So hat zum Beispiel Martin Luther King Jr., ein tiefsinniger und redegewandter Pastor, eine Bewegung ins Leben gerufen, die sich für Rassengleichheit und Bürgerrechte einsetzte.

Worte allein haben allerdings ihre Grenzen. Am häufigsten kommt das religiöse Bewusstsein im täglichen Leben zum Ausdruck. Da haben sich Menschen der Bekämpfung der Armut, der Förderung der Volksgesundheit, der Stärkung familiärer Beziehungen oder der Verteidigung der Menschenrechte verschrieben und erfüllen still und leise ihre Pflicht. Dabei muss das Gewissen sich nicht dem Diktat einer Ideologie oder einer Partei beugen. Ein jeder tut einfach, was er für richtig hält.

So bietet die Religion mit moralischer Orientierung und praktischen Lösungen einen doppelten Nutzen für die Gesellschaft, durch den sie stets eine wichtige Rolle spielen wird.

Beispiele dafür gibt es in Hülle und Fülle. William Wilberforce bediente sich der christlichen Sittenlehre, um den Sklavenhandel in Großbritannien abzuschaffen. Abraham Lincoln berief sich auf die Wahrheiten der Bibel, um eine gespaltene Nation wieder zusammenzuführen. Mahatma Gandhi verbreitete den religiösen Grundsatz der Gewaltlosigkeit und führte Indien damit in die Unabhängigkeit. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Die hier Genannten ließen sich vom Sand im Getriebe ihrer Zeit nicht mitreißen und wurden so Vorläufer einer neuen.

Mit religiösen Meinungsäußerungen macht man sich nicht unbedingt beliebt, aber die Gesellschaft ist besser bedient, wenn jedermann das Recht hat, das für ihn höchste Gut anzustreben. Man kann in wichtigen Fragen wohl anderer Meinung, aber trotzdem guten Willens sein. Es ist auch unklug, Mitbewerber als Feinde abzustempeln. Sie können sich vielmehr als nützliche Partner erweisen, wo die gesellschaftlichen Ziele übereinstimmen. Sicher fühlen wir uns unwohl, wenn Kritiker die Glaubensansichten, die uns so viel bedeuten, in Frage stellen, aber wir zeigen auch Stärke, wenn wir mit Andersdenkenden in einen aufrichtigen Dialog eintreten. Schließlich vertrauen wir ja darauf, dass "die Wahrheit sich ihren Weg bahnen wird" und die Liebe im Wettbewerb der Ideale letztlich den Sieg davontragen wird.2

Zur Harmonie gehören mehrere Stimmen, nicht nur eine.

Letzten Endes ist unser Gewissen alles, was wir haben. Alles andere - materieller Besitz, gesellschaftlicher Rang und Wohlstand - kann uns genommen werden. Die Glaubensansichten und Wertvorstellungen aber, die unsere moralische Richtschnur darstellen, der unsichtbare Bereich in unserem Herzen, in dem das Richtige sich vom Falschen trennt, die Bedeutung, die wir dem Leben beimessen, und der innere Antrieb, unsere Vorstellungen anderen nahezubringen, verleihen uns Würde.

Die Fähigkeit, seine Grundüberzeugung zum Ausdruck zu bringen, ist jedem Menschen von Geburt an mitgegeben. Ohne sie hätten alle anderen Freiheiten wenig Bedeutung.


1 Wilfred McClay, "Honoring Faith in the Public Square", Christianity Today, 21. November 2012

2 Siehe History of the Church, Band 5, Seite 498f.; das Zitat stammt aus einem Vortrag, den Joseph Smith am 9. Juli 1843 gehalten hat: "Wenn ich der Überzeugung bin, die Menschen seien im Irrtum – soll ich sie dann unterdrücken? Nein. Ich werde sie vielmehr emporheben, und zwar auf ihre eigene Weise, wenn ich sie nicht davon überzeugen kann, dass meine Weise besser ist. Ich werde niemanden zwingen, das zu glauben, was ich glaube, außer durch die Kraft der Beweisführung; denn die Wahrheit bahnt sich ja ihren Weg selbst."

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