Thema von Interesse

Was die Religionsfreiheit von uns verlangt

"Konflikte und Debatten sind ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie. Doch wenn die Diskussionen um Religion und Politik die tiefste Weisheit des 1. Zusatzartikels [der Verfassung der Vereinigten Staaten] widerspiegeln und die besten Interessen der Disputanten und des Landes fördern sollen, dann kommt es nicht so sehr darauf an, worüber wir diskutieren, sondern vielmehr darauf, wie wir miteinander diskutieren." – The Williamsburg Charter1

Mit der Religionsfreiheit einhergehende Pflichten

Religionsfreiheit birgt ein Paradoxon in sich: Wir geben offensichtlich etwas auf, und doch entsteht uns daraus ein echter Gewinn. Die Zwickmühle, in der wir uns befinden, ist in etwa die: Wenn man möchte, dass die eigenen Glaubensansichten unangetastet bleiben, darf man auch die Glaubensansichten derer nicht verletzen, die sich von den eigenen grundlegend unterscheiden. Dabei ist es nicht notwendig, dass man diese Ansichten teilt; man muss sie jedoch achten.2 Unterschiedliche Wahrheitsansprüche und Glaubensansichten bestehen nicht so leicht nebeneinander. Die Einstellung "Religionsfreiheit gilt für mich, aber nicht für dich" funktioniert nicht, besonders nicht in der heutigen, pluralistischen Welt. An jahrhundertelangen Religionsstreitigkeiten lässt sich erkennen, dass durch eine solche Einstellung die Freiheit aller Beteiligten beeinträchtigt wird. Man kann die eigene Freiheit nur dadurch sicherstellen, dass man die Freiheit aller wahrt.

Religionsfreiheit ist also nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht. Sie umfasst sowohl den Auftrag, etwas zu gewähren, als auch das Recht, etwas zu empfangen. Diese Rechte und Pflichten sind nicht nur ein Vermächtnis, das sich aus unserer ruhmreichen Verfassung ergibt. Sie haben auch direkten Einfluss auf unser Alltagsleben. Die Früchte der Religionsfreiheit werden nur durch das ständige  Ringen aller um deren Gedeihen erlangt. Wir brauchen einen höflichen Umgangston, gegenseitige Achtung und wechselseitige Zusammenarbeit, denn staatsbürgerliche Tugenden sind keine Einbahnstraße. Die Religionsfreiheit aufrechtzuerhalten gehört zu den Aufgaben einer gerechten, freien Gesellschaft.

Diese gemeinsame Verpflichtung stützt sich auf die angeborene Würde jedes einzelnen Menschen und auf das moralische Gewissen, von dem man sich bei seinen Entscheidungen leiten lässt. Die Bewährungsprobe einer friedlich zusammenlebenden Gesellschaft besteht darin, dass man sich an diese Verpflichtung hält. Weil die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der Vergangenheit unter Verfolgung und Intoleranz zu leiden hatten, können sie sich mit religiösen Gruppierungen, die in der Minderheit sind und ähnliche Probleme haben, identifizieren. Joseph Smith, Prophet und Gründer der Kirche, bekräftigte im Geiste der Solidarität: "Die Freiheitsliebe ist es, die mich beflügelt – staatsbürgerliche und religiöse Freiheit für das gesamte Menschengeschlecht."

Ein höflicher Umgangston und seine Folgen

Dieser gegenseitige Auftrag hat schlichtweg und größtenteils damit zu tun, wie wir als Staatsbürger miteinander umgehen. Aus unserem öffentlichen Dialog wird ersichtlich, wer wir als Nation sind und was für eine Gesellschaft wir aufbauen wollen. Dieser Dialog definiert unsere Wertvorstellungen fortwährend. Ständige Sorgfalt ist erforderlich, um zivilisierte Umgangsformen und die Freiheiten der Zivilisation zu pflegen.

Was wir sagen und wie wir es sagen, ist von großer Bedeutung. Ein höflicher Umgangston bedeutet nicht, dass man seine Ansichten für sich behalten oder zu netten Gemeinplätzen abschwächen muss. Sinnvolle Diskussionen können sowohl in höflichem Umgangston als auch mit Nachdruck geführt werden. Mit dem Aufruf zu einem höflichen Umgangston wird jeder Anschauung Raum und Achtung gewährt, selbst wenn man letzten Endes keinen gemeinsamen Nenner findet. Jede Glaubensgemeinschaft und jeder Einzelne muss seine Ansichten vernünftig und respektvoll vorbringen, sodass sie zu einem produktiven Gespräch beitragen. Die Vehemenz einer pluralistischen Demokratie muss durch eine besonnene Gesprächskultur gedämpft werden, wo unterschiedliche Meinungen geäußert werden dürfen, ohne dass Glaubensansichten einfach abgetan werden.

Durch die Diskussion unterschiedlicher Ansichten – ein Kennzeichen einer gesunden Demokratie – lernen die Staatsbürger, auch eklatante Meinungsunterschiede anzuerkennen und zu respektieren. Als Staatsbürger müssen wir stets Mitgefühl und Geduld für diejenigen aufbringen, die anderer Meinung sind. Wir tragen zu Toleranz und Achtung bei, indem wir beides selbst an den Tag legen. Niemand sollte dafür schlecht gemacht werden, dass er seinem Gewissen folgt.

Eine Atmosphäre des Wohlwollens

Elder Dallin H. Oaks vom Kollegium der Zwölf Apostel hat dringend empfohlen: "Als Gläubige müssen wir unsere Argumente und Ansichten auf eine Weise formulieren, die einer vernünftigen Diskussion und Einbeziehung des anderen Standpunkts zugänglich ist, wie es in einem demokratischen Staat in einer pluralistischen Gesellschaft erforderlich ist. Damit wahren wir den höflichen Umgangston, der für den Erhalt der Zivilisation unerlässlich ist.“

Die Mitglieder der Kirche sind bestrebt, ihre Wertvorstellungen auf eine Weise darzustellen und sich so für sie einzusetzen, dass sie in der Öffentlichkeit Anklang finden. Damit gehören sie zu der Vielzahl an Stimmen, denen das Wohlergehen der Gesellschaft am Herzen liegt. Der Präsident der Kirche, Thomas S. Monson, hat dieses Bestreben folgendermaßen ausgedrückt: "Als Kirche bemühen wir uns nicht nur um unsere eigenen Mitglieder, sondern um alle guten Menschen in aller Welt, weil wir ja durch den Herrn Jesus Christus spüren, dass wir alle Brüder und Schwestern sind."

Solange sich die Menschen in einzelne Gemeinschaften gliedern, ihrem  Gewissen folgen und Anspruch auf die endgültige Wahrheit stellen, wird es immer tiefgreifende, manchmal unüberbrückbare Differenzen geben. Das Paradoxon der Religionsfreiheit verlangt von uns auch weiterhin, dass wir uns an die gegenseitige Verpflichtung zu einem höflichen Umgangston halten. Religionsfreiheit lässt sich nur durch gegenseitiges Geben und Nehmen aufrechterhalten.

 

[1] The Williamsburg Charter, Summary of Principles, 1988. Elder Dallin H. Oaks hat dieses Dokument seitens der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage unterzeichnet.

[2] Siehe W. Cole Durham, "The Doctrine of Religious Freedom", Ansprache anlässlich einer Andacht an der Brigham Young University am 3. April 2001

Hinweis an Journalisten:Bitte verwenden Sie bei der Berichterstattung über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bei deren ersten Nennung den vollständigen Namen der Kirche. Weitere Informationen hierzu im Bereich Name der Kirche.