Die Würde des Menschen

Die Würde des Menschen

Kommentar

Manchmal übersteigt die Lösung der Probleme des Lebens unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten. Die Welt strotzt nur so von Armut, Hunger, Krieg und vielem mehr. Ganz gleich, wie sehr wir uns bemühen oder wie viel Geld wir darauf verwenden und wie viel Technik wir einsetzen, diese Herausforderungen bleiben bestehen.

Dennoch bleibt uns keine andere Wahl, als weiterhin nach Lösungen zu suchen, denn jeder Mensch ist eine unvorstellbar wertvolle, ewige Seele.

Von seinen Anfängen im Mutterleib bis zum letzten Atemzug und an allen Stationen dazwischen ist jedem Menschen seine Würde geschenkt und er ist mit Gottes Gnade und in Gottes Abbild erschaffen.

 

Diese Betrachtungsweise des Lebens hat ihren Ursprung im Schöpfungsbericht im Alten Testament und zieht sich durch bis zur Vision vom Millennium und einer Welt ohne Tränen im Neuen Testament. Tag um Tag erinnern uns die Schlagzeilen über Konflikte und Kummer daran, dass wir noch weit von dieser friedlichen Welt entfernt sind. Bis es so weit ist, kommt uns allen - insbesondere gläubigen Menschen - die Aufgabe zu, die Würde jedes Einzelnen zu schützen und zu verteidigen.

Schon in alten Zeiten haben religiöse Führer auf die Not der Machtlosen hingewiesen, und auch die heutigen tun es. Die Sorge um die Verwundbaren, seien es ungeborene Babys, Alte, Arme, Misshandelte, Vertriebene, Kranke oder Menschen mit Behinderungen, ist ein zentrales Anliegen aller großen Religionen der Welt und auch in der jüdisch-christlichen Weltsicht. Im Alten Testament wies Jesaja diejenigen zurecht, die "[Gottes] Volk … zerschlagen" und "das Gesicht der Armen [zermalmen]"1. Und im Neuen Testament wird berichtet, dass Jesus Christus seine Nachfolger aufforderte, sich der Hungrigen, der Durstigen, der Verlorenen, der Nackten, der Kranken und der Gefangenen anzunehmen.2

Da wir alle früher oder später in eine oder mehrere dieser Kategorien gehören, richtet sich der Aufruf, den Schwachen und Verwundbaren zu dienen, an alle.

Zu den Verwundbaren und Hilflosen unter uns gehören auch ungeborene Babys. Quentin L. Cook, ein Apostel der Mormonen, sagte vor Kurzem: "Wir sind so sehr abgestumpft und haben uns so sehr einschüchtern lassen davon, wie häufig von der Möglichkeit zur Abtreibung Gebrauch gemacht wird, dass viele von uns es in ein stilles Kämmerlein verbannt haben und sich möglichst keine Gedanken mehr darüber machen wollen." Obwohl die Zahl in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren zurückgegangen ist, wurden dort 2014 dennoch über 920.000 Abtreibungen vorgenommen.3 Dieser Verlust an Menschlichkeit ist jedoch, wie Elder Cook es ausdrückt, für diejenigen, die glauben, dass sie vor Gott Rechenschaft ablegen müssen, "eine Tragödie monumentalen Ausmaßes" und "ein ernst zu nehmender moralischer Schandfleck für unsere Gesellschaft"4.

Der Anfang unseres Leben symbolisiert, dass unser Überleben zeitlebens von anderen abhängt. "Unser Heranwachsen im Mutterleib ist ein Hinweis darauf, dass wir allein nicht existieren können", so Russell Moore vom Verband baptistischer Kirchen und Gemeinden in den Südstaaten der USA. "Niemand kann ohne andere und ohne das soziale Gefüge, das Gott um uns herum aufgebaut hat, überleben."5 Babys brauchen Eltern. Alte Menschen brauchen jemanden, der sich um sie kümmert. Kranke brauchen einen Arzt. Flüchtlinge brauchen ein Zuhause. Wer einsam ist, braucht ein soziales Umfeld. Unser ganzes Leben lang brauchen wir einander.

Wie viele andere Gläubige, so Elder Cook, sollten auch die Heiligen der Letzten Tage "ganz vorn mit dabei sein und eine Herzens- und Sinneswandlung bewirken, was die Bedeutung von Kindern angeht"6. In den heiligen Schriften der Mormonen wird erklärt, dass es Gottes Absicht ist, "die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen"7. Ganz gleich, unter welchen Umständen wir geboren werden - wir alle haben göttliches Potenzial.

Da sich viele Gläubige sehr lautstark gegen Abtreibung aussprechen, wird einigen zur Last gelegt, sich nicht der Bedürftigen in anderen Lebensabschnitten anzunehmen. Daher rührt das Zerrbild, dass Abtreibungsgegner glauben, das Leben beginne mit der Empfängnis und ende mit der Geburt.8

Natürlich zählen zu den Verwundbaren nicht nur kleine Kinder. Man kann genauso leicht alte Menschen, Menschen mit Behinderungen und Kranke als machtlos betrachten. "Im Leben aber", so sagt Moore, "geht es um mehr als darum, dass man als nützlich wahrgenommen wird." Wenn wir uns derer annehmen, die nicht von Bedeutung zu sein scheinen, "erkennen wir, dass das Leben nichts mit Instinkt oder dem Erhalt der Gene oder dem Streben nach Macht zu tun hat. Wir sind keine Tiere."9 Unsere Mitmenschen verdienen unsere Liebe, ganz gleich, welche körperlichen und mentalen Fähigkeiten sie besitzen, weil Gott ihnen - wie jedem Menschen - ihre Würde gegeben hat.

Außerdem gibt es derzeit 65 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge, eine Gruppe Hilfloser, die von Konflikten, Verfolgung und politischer Instabilität hin- und hergetrieben wird. Auch ihre Misere verdient unsere Zuwendung und unseren Einsatz. Wie Elder Patrick Kearon, ein Führer der Mormonen, erklärt, sagt ihre Vertreibung "nichts über sie aus, doch unser Umgang mit ihnen sagt etwas über uns aus"10. Flüchtlinge verdienen einen sicheren Hafen und eine Aussicht auf Erfolg - die Frucht dessen, was in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als die "unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen"11 bezeichnet wird. Man kann sich durchaus über Richtlinien und Vorgehensweisen streiten, aber der Wert und die Würde der Verwundbaren unter uns sollte kaum einen Streitpunkt darstellen.

Wir können vielleicht nicht alle Probleme auf der Welt verschwinden lassen. Aber wir können auf unsere eigene Weise etwas bewirken. Wenn wir denen helfen, die sich nicht selbst helfen können, ehren wir unsere religiösen Wurzeln - und das ist es, was ein Leben voller Hingabe an Gott ausmacht. Rabbi Jonathan Sacks hat es so ausgedrückt: "Wir können Gott nicht lieben, wenn wir nicht zuerst die über allem stehende Würde des Menschen als Abbild und Ebenbild des über allem stehenden Gottes ehren."12

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1 Jesaja 3:15

2 Siehe Matthäus 25:35-40

3 Siehe https://www.guttmacher.org/fact-sheet/induced-abortion-united-states#1

4 Andacht an der BYU, 7. Februar 2017

5 Russell Moore, Onward: Engaging the Culture Without Losing the Gospel, Seite 120

6 Andacht an der BYU, 7. Februar 2017

7 Mose 1:39

8 Siehe Russell Moore, http://www.russellmoore.com/2015/07/21/why-were-hosting-the-evangelicals-for-life-conference/

9 Russell Moore, Onward: Engaging the Culture without Losing the Gospel, Seite 120

10 "Zuflucht vor dem Sturm", Frühjahrs-Generalkonferenz 2016, https://www.lds.org/general-conference/2016/04/refuge-from-the-storm?lang=deu

11 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution vom 10. Dezember 1948, Präambel

12 Rabbi Jonathan Sacks, Not in God’s Name: Confronting Religious Violence

Hinweis an Journalisten:Bitte verwenden Sie bei der Berichterstattung über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bei deren ersten Nennung den vollständigen Namen der Kirche. Weitere Informationen hierzu im Bereich Name der Kirche.